Isabel Kobus - Literatur - Kurzgeschichte - Lena
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Lena

von Isabel Kobus, veröffentlicht in:

Anderswo leuchten die Straßen

und Ort der Augen. Blätter für Literatur aus Sachsen-Anhalt, 1/2003


Er findet sie, wie man einen verletzten Igel findet. Sie hockt auf der Flusspromenade und wimmert. Ihr Knie blutet.

„Scheiße“, sagt sie, „Diese Typen sind hinter mir her.“

Ein staubiges Mädchengesicht. Blaue Augen, die Lider gerötet. Neben ihr liegt ein offener Rucksack. Kleider, ein Walkman, ein brauner Plüschhund.

„Ich rufe einen Krankenwagen“, sagt er.

„Nein“, sagt sie, „nein, die bringen mich nach Hause. Da geh ich nicht wieder hin.“


Seit Jahren hat kein anderer seine Wohnung betreten. Einsamkeit hängt wie Staub auf den Wänden.

„Das Zimmer da“, sagt er, „das benutz ich sonst nicht.“

„Das ist nett“, sagt sie. „Normal sind alte Männer nicht so nett.“ Und dann: „Oh, tschuldigung.“


Als er morgens aufwacht, weiß er erst nicht, was anders ist. Dann fällt ihm Lena ein. Sie sitzt in der Küche und trinkt Wasser.

„Wie alt bist du, Lena?“, fragt er.

„Sechzehn“, sagt sie.

Sie ist höchstens dreizehn.


Tagsüber sitzt er hinter einer Glasscheibe und verkauft Konzertkarten. Längst haben die Menschen vor ihm keine Gesichter mehr. Heute ist er unruhig. Wird Lena noch da sein, wenn er nach Hause kommt?


Sie ist da. Er kocht Spaghetti mit Tomatensauce. Lena sitzt auf der Eckbank in der Küche und sieht ihm zu. Er wundert sich, dass es ihm nichts ausmacht. Fühlt sich wie jemand anders, so angeguckt.


„Sie werden dich suchen“, sagt er zu Lena.

„Ach was. Meine Mutter geht nicht zur Polizei. Hat sie auch nie gemacht, wenn mein Vater sie halb totgeschlagen hat. Keine Polizei, das war das Motto.“

Ihre schwarzen Haare sind jetzt frisch gewaschen. Ihm fällt ein, wie rostig die Dusche ist, und er schämt sich.


„Deine Mutter wird sich Sorgen machen“, sagt er. „Sie liebt dich doch sicher.“

Lena bläht die Backen auf und stößt langsam die Luft aus.

„Scheiß-Liebe“, sagt sie, „Leute sagen Liebe, und dann wollen sie dich doch nur dazu bringen, dass du machst, was sie wollen.“


Vor dem Einschlafen denkt er nach. Er kann sich nicht an Liebe erinnern. Nur an schmutzige, kleine Gefühle. Frauen, Affären, vor langer Zeit. Gut, dass das vorbei ist. Er könnte niemanden um sich haben. Aber Lena – Lena stört ihn nicht. Könnte bleiben. Ein paar Tage. Vielleicht länger.


„Du solltest dich nicht draußen blicken lassen“, sagt er am nächsten Morgen. „Die Nachbarn würden sich wundern.“

„Du kannst ja sagen, dass ich deine Nichte bin“, sagt Lena.

Fast muss er lachen.

„Ich rede sowieso nicht mit ihnen“, sagt er.


Seit Lena da ist, beginnt er, neue Farben in der Küche zu finden. Fühlt sich wie ein Maler. Das kiefernnadelgrüne Linoleum des Fußbodens. Die Wände ocker gefleckt wie Eierschalen. Die Eckbank in prächtigem Rot. Lenas Haare hängen in ein Schälchen Cornflakes. Ihre Arme auf der osterglockengelben Tischplatte. „Hey, alter Mann“, sagt sie, „was gibt’s Neues da draußen?“


„Warum sagst du, dass du sechzehn bist?“, fragt er Lena.

Sie schnaubt.

„Wen interessiert auf der Straße schon, wie alt du wirklich bist. Die Männer schon gar nicht.“

Er blickt zu Boden. Was weiß er schon von Männern?


Er hat einen Traum. Dass er nachts durch die Stadt geht. Am Straßenrand stehen Kinder. Ein Mädchen spricht ihn an. Blaue Augen wie Lenas. Greller Lippenstiftmund. Ihre Haut pergamenten wie die einer Greisin. Die Kälte ihrer Hand durch seine Jacke. Sie flüstert: „Ich mache immer, was Daddy will.“ Er schüttelt ihre Finger ab und rennt davon, als habe ihn der Teufel berührt. Wie konnte er nur an diesen Ort gelangen? Starr liegt er unter seiner Decke und blickt in einen Krater der Erinnerung. Sieht sich im Kinderbett liegen, schwitzend und voller Angst. Vor dem Fenster die Sterne. Durch den Schleier seiner Tränen vereinigen sie sich zu einem hasserfüllten Flirren. Es kommt näher, dringt durch das Fenster seines Kinderzimmers, um ihn zu holen. Jemand erstickt seinen Schrei.


Mildes Licht liegt auf dem Küchentisch. Eine abendliche Seenlandschaft aus Limonadenspritzern hat sich um Lenas Glas gebildet.

„Wie waren deine Eltern?“, fragt Lena.

Er wendet sich ab, um seine Freude zu verbergen. Dass sie sich für ihn interessiert. Er kann nicht antworten.

„Wie Eltern nun mal so sind“, sagt er, „ich erinnere mich kaum noch an sie.“


Nachts wagt er nicht mehr zu schlafen. Bleibt vor Lenas Tür stehen. Lauscht ihrem leisen Schnarchen. Sitzt dann auf der Eckbank, Hand auf dem Bauch. Was für ein schwerer Sack von einem Körper, denkt er. Er stellt sich vor, ein Hund zu sein. Ein großer, treuer Hund. Lena würde einen Hund mögen.


Lena steht im Türrahmen. Mondlicht auf ihren weißen Wangen.

„Geht es dir nicht gut?“, fragt sie.

„Doch“, sagt er. „Es ist schön, dass du hier bist.“

„Hast du keine Freunde?“, fragt sie.

„Mir fällt keiner ein“, sagt er.

„Auf der Straße hat man auch keine Freunde“, sagt Lena. „Aber du bist doch hier zu Hause.“

Er zuckt die Schultern.

„Schade“, sagt Lena.


Schlaflos unter der Decke liegend, denkt er an ein altes Gedicht. Er hat es als Junge gelesen. Es handelte von einem Mann, der aus Liebe zu einer Göttin in Raserei verfällt und sich mit einem Stein kastriert.


Am nächsten Tag kommt er von der Arbeit und zwei Polizisten stehen vor seiner Tür. Man sage, er habe eine Minderjährige bei sich wohnen. Er ist wie in einem Nebel. Was werden sie mit ihm machen? Aber als er willenlos den Schlüssel umdreht, weiß er plötzlich, dass Lena nicht mehr da ist. Die Polizisten sehen in jeden Winkel. Es gibt keine Spur mehr von ihr, außer der kleinen Mulde in der Matratze auf dem Boden, die nur er sehen kann.


Danach gewöhnt er sich an, abends ein paar Flaschen Bier zu trinken, bevor er schlafen geht. Das Licht des Mondes auf der zerschlissenen Eckbank. Er stellt sich vor, wie Lena durch die Straßen läuft. Wie sich die Sterne in ihren Augen spiegeln. Stellt sich vor, wie ein großer Hund an ihrer Seite trottet. Ihre warme Hand auf seinem Kopf.